Harald Kirschner

15.01. – 27.02.2016

15.01. – 27.02.2016

Harald Kirschner (*1944 in Reichenberg, Liberec/Tschechische Republik)
1968 – 1973 Studium der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, lebt und arbeitet in Leipzig

“[…] Harald Kirschners Bilder bewahren verlorene Zustände. Brüche und Lücken tun sich auf, in der Bebauung, der Nutzung der Gebäude, Einschlüsse und Ausschlüsse von Gewesenem oder Gewolltem – Industriebahn trifft Strassenbahn, Fabrikschornstein Wohnhäuser, WBS-70-Lückenschließung bleibt als Lücke im alten Bestand präsent. Die Sehenswürdigkeiten zeigt Kirschner nicht, eher kommen sie als Kulisse vor, am Rand. Was er findet und festhält, ist die anonyme Essenz der Stadt, ihre Mauern schrundig und schön, ihre Binnenräume verwinkelt und verletzt.
[…] In der Stadt wie in Kirschners Fotos davon aus den Achtzigerjahren dominiert bei aller alltagskulturellen Vielfalt das Desolate. Nachkriegsszenarien neben noch nicht Gelebtem, nur Gewünschtem – von denen da oben wie von denen da unten, Parteiparolen und Punker, Fahnen, Fäuste aus Beton und “Frei”-Flächen anstelle frisch beseitigter historischer Substanz, furchtbarer Fortschritt. Das Alte vergeht sichtbar, das Neue steht steif dagegen, daneben oder bleibt bloße Proklamation, Barock neben Baracken.
[…] Die damaligen Neubauten und ihre Zier, Wandbilder von Josep Renau etwa, sind jetzt schon verschwunden. Verheißungen hatten sie sein sollen und Versicherung, das Richtige zu sein und zu tun – verloren auch dies in der wirklichen Welt wie an der verkleidet gewesenen Wand. […]”

Textausschnitt: T.O. Immisch aus dem Katalog Harald Kirschner “Patina. Halle 1986-1990″, Mitteldeutscher Verlag, 2014


Harald Kirschner (*1944 in Liberec, Czech Republic), studied photography at the Academy of Visual Arts Leipzig from 1968 to 1973, lives and works in Leipzig

“[…] Harald Kirschner’s images preserve lost conditions. They reveal the gaps and ruptures in constructions or the way in which buildings are used, as well as incorporations or eliminations of things either used or wanted – industrial railway meets tramway, factory chimney stack meets residential houses, or WBS-70 Plattenbau prefab buildings remain present among older estates. Kirschner does not show special sights, they are but a backdrop. It is the city’s anonymous essence that he finds and records instead, its walls chipped yet beautiful, its interior spaces full of nooks and crannies, and bruised.
[…] In Kirschner’s photographs from the 1980s, it is the desolate that dominates the cultural diversity of everyday life. Post-war scenarios are placed alongside the not-yet-lived, the utopian – desired by those at the top as much as by those at the bottom, political party slogans and punks, banners, concrete fists and “free” sites where the freshly removed substance of history or abominable progress was once found. Visibly, the old perishes, the new stands stiffly against it, next to it or remains a mere proclamation, the baroque alongside barracks.
[…] The new buildings of the time and their ornaments – such as Josep Renau’s murals – have already disappeared today. Regarded as promises and as an assurance that they were right and had done the right thing – they, too, were lost in the real world and on the wall they once adorned. […]”

Cited in: T. O. Immisch, Harald Kirschner, Patina. Halle 1986–1990, Mitteldeutscher Verlag, 2014.

WORKS:

Leipzig-Grünau 1981 – 1991
Das umfangreiche Projekt Leipzig-Grünau von ca. 200 Fotografien ist eine städtebauliche und soziale Langzeitstudie über ein sich entwickelndes Neubaugebiet mit fast 100 000 Einwohnern zu DDR-Zeiten.
Diese auf dem Reissbrett entstandene Trabantenstadt im Südwesten von Leipzig ist eine überdimensionale Betonarchitektur aus Platten-Fertigteilen, wie sie häufig in ganz Europa vorkommt. Das Wohnungsproblem, der grosse Wohnraummangel durch die nicht bewältigte Sanierung der Altstadt und der Bevölkerungszuwachs sollte mit diesen Bauprogramm in Leipzig gelöst werden.
Die Wohngegend Grünau war zu DDR-Zeiten aus ökonomischen Gründen über mehrere Jahre auch gleichzeitig immer eine Baustelle. Bauen und Wohnen fanden parallel statt. Aber nicht alles konnte verwirklicht werden. Es wurde vereinfacht und eingespart, wichtige Planungen im Bereich Kultur, Sport und Handel gestrichen, die Entwicklung der Infrastruktur konnte aus finanziellen Gründen nicht schritthalten.
Für die Grünauer war dies mit Unannehmlichkeiten und Problemen verbunden. Grünau wurde “Schlammhausen” genannt. Mit meiner Familie seit 1981 in Grünau wohnend war ich Betroffener und spürte als Beteiligter selbst die positiven wie negativen Zustände. Die Fotografien sind für mich Resultat des persönlichen Erlebens und des Umgangs mit den Gegensätzen in diesem Umfeld:
Wie wurden die Menschen mit den Schwierigkeiten fertig? Wie verhielten sie sich untereinander? Wie entstanden soziale und kommunikative Bezüge – sei es auf der Strasse, im Haus oder in den beiden kirchlichen Gemeinden? Wie entwickelt sich in diesen Anfangsjahren ein neues Gemeinwesen?
Mein besonderes Interesse galt den Kindern und Jugendlichen, die mit Phantasie, Individualität und unvoreingenommener Frische ihren neuen Lebensraum in Besitz nahmen. Grünau war für sie ein grosser Abenteuerspielplatz.

Halle 1986 – 1990
Die Serie Halle 1986 – 1990 von ca. 120 Farbfotografien entstand im Rahmen eines geplanten aber nicht realisierten Buchprojektes zu DDR-Zeiten sowie im eigenen Auftrag.
Schwerpunkt der Arbeit ist der damalige Zustand der Stadt Halle, ihr Verfall und Umbruch.
Die zum Teil bedrückende, melancholische und nebelverhangene Atmosphäre auf den Strassen und Plätzen bilden für mich einen interessanten und spannenden Gegensatz zu den Strassen- und Situationsbeobachtungen vom städtischen Leben. Sie offenbaren oft eine skurrile oder ironische Seite.

Leipzig-Plagwitz 1990 – 1991
Plagwitz ist ein traditionsreiches Industrie- und Wohnviertel im Leipziger Westen, das sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem industriellen Grossstandort entwickelt hat.
1989 war dies ein maroder Stadtteil mit zum grössten Teil technisch veralteten und unrentablen Betrieben. Die Situation dieses Stadtteils liess erahnen, dass es grosse Umbrüche geben würde.
Die Serie von ca. 150 Fotografien zeigen den Zustand von 1990 und 1991.

Verlassenen Orte “Eiger Nordwand” Grünau 2007
2007 wurden im Norden von Leipzig-Grünau die 1982 errichteten Wohnblocks der Neuen Leipziger Strasse 2 – 28 mit 550 Wohnungen, im Volksmund “Eiger Nordwand” genannt, abgerissen. Dies geschah im Rahmen des Stadtumbaus, da ein hoher Leerstand die Bewirtschaftung angeblich unrentabel machte.
Zwei Wochen vor Abrissbeginn fotografierte ich die von den Mietern verlassenen und zum Teil durch fremden Vandalismus verwüsteten Wohnungen.
Die Arbeit von ca. 100 Fotografien thematisiert die Auseinandersetzung mit dem Vergangenen. Relikte wie Tapeten, unterschiedliche Gestaltungsformen, An- und Umgebautes oder Zurückgelassenes erzählen etwas über ihre Bewohner.
Hinter der grauen und glatten Fassade eines Plattenbaues zeigen sich Vitalität, Buntheit, Vielfalt und Individualismus.