Dominique Koch

14.03. – 26.04.2014

Dominique Koch_Voice Training

Installation views

“JETZT WIRD ES WIEDER ZEIT UNS MIT DEN EMOTIONEN ZU BEFASSEN”

Die Galerie Jochen Hempel präsentiert eine Einzelausstellung der Schweizer Künstlerin Dominique Koch (geb. 1983). Über Skulpturen, Videoinstallationen und Performances setzt sie sich mit den kommunikativen und referentiellen Grenzen der Sprache und der Stimme als Kommunikationsmittel auseinander.
Die facettenreichen Vorgänge des menschlichen Sprechens sind gekennzeichnet von Vieldeutigkeit und Brüchen. Sprechen ist ein performativer Akt, dessen Begleitumstände dem Gesagten Bedeutungsdimensionen hinzufügen. Der Unterschied zwischen spontanem Sprechen oder inszenierter Aufführung, die Nuancen der Stimme oder auch der körperliche Ausdruck ergänzen oder transformieren die Botschaft des Gesagten.
Die Videoinstallation Voice Training (2014) zeigt Schauspieler, die die gleichnamige Methode praktizieren. Das Voice Training wurde in den 1960er-Jahren von Zygmunt Molik im polnischen Theaterinstitut von Jerzy Grotowski entwickelt. Es ist auf die Freisetzung gestalterischer Energien fokussiert und zielt auf die Einheit von Körper und Stimme als Basis guter Schauspielerei.
Idealerweise kommt der Schauspieler dabei in einen veränderten Bewusstseinszustand, welchen Grotowski mit dem von ihm erfundenen Wort “Translumination” beschreibt. Und zum Stimmeinsatz präzisiert Molik: „When we are singing together, we have just the material, a kind of raw matter.“
Die skulpturale Arbeit One May Also Be a Character In a Play II (2013/14) schließt an die Frage an, welche Bedeutungsnuancen der Klang der Stimme den wörtlich gegebenen Informationen hinzufügt. Indem eine narrative Struktur in eine neue übersetzt wird, beleuchtet die Installation den Prozess der Bedeutungsproduktion. Koch hatte einen Schauspieler gebeten, aus Jean-Paul Sartres Aufsatz „Skizze einer Theorie der Emotionen“ vorzutragen.
Diese inszenierte Aufnahme ließ die Künstlerin durch eine Software analysieren, die die emotionalen Zustände in der Stimme zu erkennen sucht. Den gesprochenen Vortrag „kommentiert“ die Software durch Begriffe, die die emotionalen Unterschiede in der gesprochenen Sprache beschreiben und damit implizit den Wahrheitsgehalt des Gesagten beurteilen.
Koch initiiert damit auch eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Machtsystemen, wie hier der Technologie der Layered Voice Analysis, die die gesprochene Sprache als „Material“ für neuerliche eigene Bedeutungszuschreibungen benutzen. Sartres geschriebenem Originaltext wird mit diesen Begriffen ein Metatext gegenübergestellt, den Koch als fortlaufendes Skript auf Spiegelfolie gedruckt hat. In der räumlichen Installation wird die Skulptur um das ursprüngliche Sartre-Buch ergänzt.
Die Serie Emotional Diamonds (2013/14) rekurriert auf eine weitere Dimension von softwaregesteuerten Stimmanalysen. Die erwähnte Software bestimmt auch die charakterlichen Eigenschaften eines Redners und übersetzt Tonaufnahmen von verschiedenen Autoren und Künstlern in die visuelle Form eines Diagramms. Wie eine Serie von transformierten Porträts füllen diese automatisierten Typologien den ersten Raum der Ausstellung.
Die Videoarbeit Interpretation (2014) dokumentiert eine Performance, in der ein weiterer Schauspieler die abstrakten Begriffe aus dem Metatext der Sprachanalyse in körperliche Improvisationen übersetzt. Er führt dabei eine psycho-physische Übungsmethode aus, die ebenfalls aus dem Theater-Institut von Grotowski stammt und ursprünglich von der Methode der Biomechanik Wsewolod Meyerholds sowie der Theaterlehre Konstantin Stanislawskis inspiriert wurde. Auch hier geht es um das Spannungsverhältnis von Kontrolle und Spontanität.
Dominique Koch inszeniert damit in den präsentierten Arbeiten eine Folge von Transformationen, die den Sprechakt und seine körperlichen und situativen Voraussetzungen thematisieren, sowohl im heutigen Zeitalter der künstlichen Intelligenz als auch innerhalb historischer Räume wie etwa des Reformtheaters des 20. Jahrhunderts. Stimme als formgebendes Element noch vor der semantischen Bedeutungskonstruktion, das Transformationspotential des sprachlichen Ausdrucks, die Wechselwirkung von faktenbasierten und fiktiven Erzählformen sowie das Spannungsverhältnis zwischen Inszenierung, Zufall und Spontaneität sind dabei wiederkehrende Elemente.

Portfolio_Dominique Koch_Galerie Jochen Hempel, Berlin_2014