Beat Streuli

11.03. – 23.04.2016

Beat Streuli

World City

Beat Streuli_world city_galerie jochen hempel

11.03. – 23.04.2016

Installation views

Symbiose und Distanzierung

Seit den 1990er Jahren lädt jede Aufnahme, die der Künstler Beat Streuli gemacht hat, so sehr sie auch in einem soliden konzeptuellen Gerüst verankert ist, unausweichlich dazu ein, sich in die spontane Bewegung des Alltags in der Stadt zu stürzen. Plötzlich in die Masse eingetaucht, gelangen wir im Angesicht von Streulis oft großformatigen Bildern und monumentalen Installationen frontal vor Figuren und Details des urbanen Lebens. Die aus dem Gemenge auf weitläufigen Flächen herausgelösten Porträts berücken uns. Häufig wird dabei das Gesicht zu einer zugleich absorbierenden und reflektierenden Projektionsfläche, worin sich die gezeigte Persönlichkeit mit der des Betrachters überblendet. Daraus entsteht das, was die Kritikerin Françoise Gaillard als eine Art Interface bezeichnet, ein Medium, das unmittelbar zur Aufmerksamkeit zwingt und in dem der Blick sich im Wechselspiel zwischen Künstler und Schauendem entwickelt.

Unverkennbar sprechen diese Fotografien auch vom Bewusstsein des Künstlers für die Orte, die er sich hier zu eigen macht: Moskau, Dubai, Hongkong. Da und dort erhaschen wir durch die Wandbilder und Videos etwas von den Widersprüchen und Spannungen dieser Städte, besonders mit Blick auf jüngere Vorgänge: in Hongkong etwa die »Regenschirm-Revolution«, der wöchentliche Sitzprotest philippinischer Hausangestellter und die Präsenz der Polizei, in Moskau die Siegesparade, mit der ein nach wie vor im Kern innerer und äußerer Konflikte stehender Putin seine Macht demonstriert, aber auch, im Kontrast zur fantasmagorischen Welt Dubais, Porträts von indischen und pakistanischen Arbeitern.

Indem er Gesichter und Sichtflächen, Porträts und Texte zusammensetzt, gelingt Beat Streuli mit seinem komplexen Medium (Tapeten, klein- und großformatige überlagerte Fotografien neben einigen Videos) eine gegensatzgeladene Mischung von Symbiose und Distanzierung, Besonderem und Allgemeinem, die einander im Zuge des Schauens abwechseln. Dieses Verfahren, das es den Betrachtern gestattet, sich auf das Gefüge vielsagender Bilder sowohl einzulassen als ihm auch fern zu bleiben, präsentiert die lebende und die gebaute Umgebung von Städten mit einer Sachlichkeit, die über den Moment hinausgeht. Ästhetisch ausgefeilte, hauptsächlich auf das Individuum fokussierte Fotografien werden kombiniert mit Bildern von Bauelementen, die zum Abstrakten tendieren. Ein visuelles Spiel mit Schichtung und gegenseitiger Durchdringung, mit dem, was flüchtig zu erspähen und was klar zu ersehen ist, beansprucht ständig die Aufmerksamkeit der Schauenden.

[…]

Wie in Beat Streulis gesamtem Werk werden wir konfrontiert mit den Ähnlichkeiten und Unterschieden urbaner Umgebungen in einer globalisierten Welt, die weithin als zunehmend stereotyp und gleichförmig gilt. Nur eine tiefere Lektüre enthüllt die Eigenarten einzelner Städte, ihre »unausweichliche Spezifität«*. Die Kraft dieser Fotografien und Videos liegt in der Bedeutung, die sie Details zuspricht, dem Erfassen des signifikanten Fragments, das einen Schlüssel zum Kern der Lebewesen und Dinge enthalten könnte. Auf vergleichbare Weise lenkt das vom Künstler geschaffene Gleichgewicht zwischen dem Sensiblen und dem Intelligiblen die Betrachter und erschließt ihnen einen von den komplexen Schichten seines Mediums ausgehenden Weg zur Verknüpfung der Bilder.

(Aus dem Englischen von Stefan Barmann)

* ETH Studio Basel (Hg.), The Inevitable Specificity of Cities, Lars Müller Publishers 2014. (A.d.Ü.)

Symbiosis and distancing

Since the 1990s, every shot taken by the artist Beat Streuli, while founded in a solid conceptual framework, inevitably invites us to plunge into the spontaneous movement of daily life in the city. Immersed abruptly in this mass, we come face to face with the often huge photographs and monumental installations created by Beat Streuli, and are confronted with some figure or detail of urban life. We are transported by these portraits, picked out from the crowd on large surfaces. Often, the face becomes an absorbing and reflecting canvas, blending the personality of the subject with that of the observer. It then becomes what philosopher and critic Françoise Gaillard calls a sort of interface, a medium which directly compels the attention and in which the gaze is constructed in the interaction of artist and spectator.

These photographs also bear witness to the artist’s awareness of the places he appropriates here: Moscow, Dubai, Hong Kong. Here and there through the mural and the videos we glimpse the contradictions and tension of these cities, in particular in recent events such as the “Umbrella Revolution”, or the weekly sit-in of Filipino maids and the police presence in Hong Kong; the Victory Day military parade in Moscow, a demonstration of power by a Putin who is still at the heart of internal and external conflicts in Moscow; or, again, the portraits of Indian and Pakistani workers contrasting with the phantasmagorical world of Dubai.

By juxtaposing faces and surfaces, portraits and texts, Beat Streuli succeeds in using his complex medium (wallpaper and small and large superimposed photographs, along with a dozen videos) to create an adversarial blend of symbiosis and distancing, particular and general, that alternates with the gaze. This approach, which allows spectators to both engage with and remain distant from this set of evocative images, presents the living and the built-up environment of cities with an objectivity which goes beyond the moment. Aesthetically sophisticated photographs mainly focusing on the individual are combined with images of built components whose details tend towards the abstract. A visual game of overlay and interpenetration, of what can be glimpsed and what can be seen, ceaselessly demands the viewer’s attention.

[…]

As in all of Beat Streuli’s work, we are confronted with the similarities and differences of urban settings in a globalized world widely assumed to be increasingly stereotypical and similar. Only a deeper reading reveals the particularities of individual cities, their “inevitable specificity”. The force of these photographs and videos lies in the meaning they lend to details, to the capture of the significant fragment that might hold a key to the essence of beings and things. Similarly, the balance created by the artist between the sensible and the intelligible guides the viewer, unveiling a way to construe the images that draws on the complex layers of his medium.

Paul di Felice

2015