Schirin Kretschmann – Made in Germany Drei @ Kunstverein Hannover

03.6. – 03.09.2017

Produktion. Made in Germany Drei, 2017
Katalogtext

Schirin Kretschmann

True Blue (2016) betitelte Schirin Kretschmann eine Intervention in der Montagehalle der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Zart, mit leiser, aber deutlicher Konsequenz tritt die installative Arbeit an den Betrachter heran. Aus leuchtend blauem Pigmentstaub, zu gleichen Teilen mit Gips versetzt, wurde ein entlang einer Seitenwand der Halle verlaufender, etwa zwanzig Meter langer Streifen gesiebt. Das blaue Material fügt sich in den Ausstellungsort, eine Industriehalle mit Spuren ihrer sonst technischen Nutzung wie Kabeltrassen, Stromkästen und -leitungen, ein. So kann die Farbfläche zunächst für einen Rest Fußbodenbelag oder eine industrielle Bodenmarkierung gehalten werden. Die Aneignung von Umgebungen und die ästhetische Thematisierung des Ausstellungsraums sind Merkmale, die viele Rauminstallationen Kretschmanns gemein haben. In Bezug zwischen Raum und Werk, in dem die Künstlerin oft partiell die Autorschaft an die physikalischen Eigenschaften der von ihr verwendeten Materialien abgibt, wird die Wahrnehmung des Betrachters geschärft: Die puderige Pigmentschicht von True Blue beispielsweise stellt in der Haptik und Verletzlichkeit ihrer Oberfläche den Ausstellungsbesucher vor die Wahl, das Werk zu versehren und seine Spuren im Staub zu hinterlassen oder sich an die konventionellen Regeln, die üblicherweise im Ausstellungsraum gelten, zu halten. So nimmt die Sichtbarmachung sonst unsichtbarer prozess- und zeitbedingter Spuren im Werk Kretschmanns eine tragende Rolle ein: Im Verlauf des Projekts Nomadic Competences (2011) im Kunsthaus Baselland baute die Künstlerin alle Trockenbauelemente des Ausstellungsbereichs ab, nutzte diese für verschiedene Inszenierungen, um sie dann sukzessive wieder zurück zu bauen. Hier wird deutlich, dass Kretschmanns Werke nicht abgeschlossen sind, sobald die Ausstellung eröffnet. Ihre Interventionen machen Veränderungen erfahrbar, gehen über den künstlerischen Akt hinaus und schließen ihren Betrachter mit ein. Eine frühe Skulptur, Bing (2007), zum ersten Mal für die Tianjin Academy of Fine Arts in China, macht noch dezidierter auf Transformationsprozesse aufmerksam. Von Spanngurten zusammengeschnürte Eisblöcke wurden zu Beginn der Eröffnung mit einer Schicht Lackspray überzogen. Die grelle Farbhaut löste sich parallel zum Tauvorgang des Eisquaders in Fetzen ab und blieb letztlich als Abbild des vollständig geschmolzenen und abgelaufenen Wassers zurück.
Kretschmanns Materialien entstammen vermeintlich kunstfernen Erfahrungswelten. Mit Lederfett, Speiseeis, Suppenkellen oder Plastikeimern legt sie verborgene oder imaginäre Handlungsgefüge offen, die dem Grundgedanken einer entgrenzten Malerei folgen. Malerisch erscheint auch die Installation Flagranti (2010), in der eine mit Stieleis befüllte Tasche zusammen mit einer Jacke der Künstlerin wie beiläufig im Ausstellungsraum abgestellt wurde. Während der Eröffnung der Ausstellung bahnte sich das Schmelzwasser langsam seinen Weg und trocknete auf dem Bodenbelag und einer Sitzbank der Galerie als Farbspur.
Für Produktion. Made in Germany Drei wird Schirin Kretschmann erneut mit sowohl vor Ort vorgefundenen als auch von außen hineingetragenen Materialien arbeiten: Aus den Plexiglaselementen der charakteristischen Decke im Oberlichtssaal entsteht eine von blauem Pigment überzogene Bodeninstallation, die die räumlichen Zuordnungen von Oben und Unten umkehrt und den Bereich zwischen Boden und offenliegender Dachkonstruktion zum skulpturalen Raum erklärt.

Jana Franze

http://www.kunstverein-hannover.de/ausstellungen/2017/produktion-made-in-germany-drei.html